2.10.2016 





Gegenwartskunst im Netz

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Um Gelman herum


Kulturmaschine
Manifest des Optimismus

Das Projekt GIF.RU betrachte ich nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Element einer Kulturmaschine`. Das setzt voraus, dass kein entfremdeter Blick des Kritikers hier Ton angeben wird, sondern Pathos des kulturellen Aufbaus. Das erfordert auch eine präzis definierte Einstellung zum Objekt der Betrachtung - zur Kunst Russlands. Unser Interesse gilt nicht der Kunst in den Regionen, sondern Erscheinungen der Weltkunst auf dem Territorium Russlands. Wir werden loyal und interessiert Erscheinungen eines einheitlichen Kulturraums unterstützen, wo sie auch seien, und werden gleichgültig gegenüber der Erscheinungen lokaler Bedeutung sein, seien sie auch sozial erfolgreich.

Das Projekt GIF.RU ist unser Manifest des Optimismus und unser "Vorhabenprotokoll". Trotz miserabler Kulturpolitik entwickelt sich moderne Kunst in Russland. Trotz Isolationstendenzen in der Gesellschaft sprechen russische Künstler und Schriftsteller internationale Sprache zeitgenössischer Kultur. Welttendenzen wiederspiegeln sich, mehr oder weniger, in der Kunst nicht nur in Moskau und Petersburg, sondern auch in Ekaterinburg und Kaliningrad. Alldas, was durch Bemühungen der Menschen zustande kommen konnte, kam zustande. Es mangelte nur an einem - Kulturpolitik, ohne die das Gegenteil undenkbar wäre - der Einfluss russischer Kunst auf Prozesse in der Weltkunst.

Im Bewusstsein Russlands - sowohl im Bewusstsein der Regierungsklasse, als auch in dem der Massen und Intellektuellen - o weh! - hat sich die Kunst der Vergangenheit behauptet, die Kunst der Zukunft hat da keinen Freiraum. Genauso wie vor 30, 70 oder 150 Jahren. Im Kontext der Kriseerscheinungen in der Weltkultur zum einen und basierend auf der leicht antrainierten Neigung lokaler Vorstehender zur Protektion zum anderen, führt diese Tatsache zur Schaffung merkwürdiger Nische für moderne Kunst in Russland. Das Projekt GIF.RU wird ein anderes Bild der Kunst in Russland gestalten, nicht nur im Netz, sondern auch in ganz Russland.

In Russland existiert ausserdem eine enorme Kluft zwischen Hauptstadt- und Provinzkontexten. Eine der Zielsetzungen des Projekts GIF.RU besteht in deren Gleichstellung. Die Kluft zu überwinden bedeutet Kulturpolitik zu machen. Heute hat aktuelle Kunst der Metropole de-facto keine Beziehung zu Provinz. Es gibt inzwischen in der Provinz talentierte Künstler, die im lokalen Kontext malträtiert werden. GIF.RU setzt sich folgendes zur Aufgabe: bemerken, auswählen, den ersten Ansporn zur erfolgreichen Laufbahn geben und auf solche Weise kulturelle Kompetenz lokaler Kulturinstitutionen beeinflussen. Und in erster Linie Politik der Museen, der Beamten und der Ausbildungsinstitutionen beeinflussen.

Die Geschichte über Aschenputtel - das ist russische Version des amerikanischen Traums. Man hielt sie zu Hause, d.h. im lokalen Kontext, für faul, hässlich, dumm, für Taugenichts. Für die letzte. Es muss jemand sehr starker von aussen kommen (ein Prinz), mit einem absolut neuen Kriteriensystem, um sie zu finden, gebührend einzuschätzen, anzuhimmeln.

Vom Schaffen zur Kunst

Im letzten Jahrzehnt hat sich die riesengrosse Kulturmaschine aus der Sowjetzeit zusammengeschrumpft. Von der Sowjetepoche haben wir mehr als 2000 Kunstmuseen geerbt. Wir haben Künstlerverbände, Kunstschulen, das heisst genug Details für eine Kulturmaschine. Um aus Details eine Maschine zu montieren, muss man aber verstehen, wie ihr Mechanismus funktioniert. Man hat dafür kein Verständnis. Das Ex-Kulturministerium hat auch keins gehabt. Das bestehende Kulturministerium, um so mehr die Moskauer Regierung haben dafür auch kein Verständnis.

Der Kulturmechanismus basiert inzwischen auf einigen, ziemlich einfachen Gesetzen. Um sich sie anzueignen, muss man vor allem das sowjetische Klischee "Kunst und Schaffen" überwinden, das einst fast die Gleichsetzung des Schaffens und der Kunst bedeutete. Es gibt viele kreative Menschen, insbesondere in Russland. Viele Tausende. Sie alle sind passionär, kreativ, streben nach Selbstverwirklichung. Der Kreis der Erscheinungen, die zur Kunst gehören und in die Geschichte unserer Kultur eingegangen sind, ist aber sehr begrenzt. Russische Kunst der X1X oder XX Jahrhunderte assoziiert sich höchstens mit Hundert Namen.

Die Hauptaufgabe der Kulturmaschine ist es, maximal das schöpferische Potential für die Gestaltung der Nationalkunst auszunutzen. Sie hat mehrere Funktionen zu erfüllen. Die este Funktion ist das Orientieren. Ein Künstler behauptet sich, stellt vor sich neue hohe Ziele, die Kunst gibt ihm Vorbilder, und die Kulturmaschine muss diese Vorbilder an Menschen weiter leiten. Die zweite Funktion ist die Auswahl und der Aufstieg. Die erste Funktion ist also eine Ausbildungsfunktion, die zweite ist eher eine Prüfungsfunktion.

Die Kulturmaschine funktioniert "vertikal", vom Schaffen zur Kunst, von den Regionen zum Zentrum. Dem Zentrum streben Menschen zu, in die Regionen kehren Kulturvorbilder zurück. Das Internet lässt erstaunlicherweise territoriale Dimensionen überwinden, eben darum wird GIF.RU zum Filter, der von den Kunsterscheinungen sowohl in Moskau als auch in Wladiwostok gleichermassen entfernt ist.

Von der Vergangenheit zur Zukunft

Zu guter Letzt muss die Kulturmaschine die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart sichern. Die Kunst der 60-er Jahre (was wir auch dazu meinten) tritt von der Szene ab, sie wird zum Teil der Geschichte. Zwischen dieser Kunst und der Kunst, die man als aktuell zu bezeichnen pflegt, gibt es keine Kontinuität, und diese Kluft wird von ganzen Generationen als Katastrophe erlebt, wie Zwiespalt in der Weltanschauung. Die Kulturpolitik in Russland muss auf die Nahtenausgleichung zwischen 2 historischen Formationen und die Herstellung der Verbindungen zwischen Generationen gerichtet sein.

Hauptaufgaben der Kulturpolitik sind es, die Vergangenheit aufzubewahren, die Entwicklungsmöglichkeiten der Zukunft zu sichern und die Verbindung zwischen ihnen zu gewährleisten. Ohne die Zusammenwirkung der Vergangenheit und der Gegenwart zu verstehen zu versuchen, ohne Art und Weise des Einflusses der Vergangenheit auf die Zukunft zu verstehen, wandelt der Moskauer Pathos der Aufbaus bloss in Voranschlag um. Bauvoranschlag, Gasleitungvoranschlag und a.m....Man verrichtete diese Arbeiten. Bekam man einen Tempel? Keinen. Da es an Verständnis fehlte, auf welche Weise kulturelle Beziehungen aufgenommen werden müssen.

Heute lösen Paradigmen in der Kunst einander öfter ab, als es bei der biologischer Ablösung der Fall ist, und deshalb entstand das Phänomen "des Zusammenlebens" der Vertreter unterschiedlicher Kulturepochen in denselben Museen, Galerien, Zeitschriften, d.h. in einem Kulturraum. Das Kulturgewebe wird sehr bizarr, zerfällt leicht in autonome Schichten, jede von denen nicht nur ihre eigene Einschätzungskriterien erarbeitet hat, sondern auch eigene Sprache und semiotische Systeme hat. Das Hauptanliegen wissenschaftlicher Institutionen ist es, diese Sprachen zum gemeinsamen Nenner zu bringen. Dabei müssen sie als unabhängige Beobachter bleiben und sich mit dem Zusammennähen beschäftigen,d.h. einen gemeinsamen Kommunikationsraum gestalten. GIF.RU bietet sein Territorium für alle Forscher, Kritiker, Kunsthistoriker, Theoretiker und wird adäquate Beschreibungen der Kunstsituation fördern.

Von der Willkür zur Einteilung der Einflusssphären

Im heutigen Russland wird eine Forschungsinstitution als eine Institution in der Kunst malträtiert, da unsere Machthaber ihre Beziehungen zur Kunst auf dem Prinzip der Protektion der Favoriten herstellen. Wenn der Präsident oder der Bürgermeister einen Chef-Künstler, oder einen Chef-Musikanten, oder einen Haupt-Literaten wählen, dann braucht man diese Institutionen nicht. Kein Politiker in der ganzen Welt wird eine direkte Finanzierung der Künstler übernehmen. Die Finanzierung erfolgt nur durch Vermittlung entsprechender Kulturinstitutionen. Unsere Politiker bringen die Kulturvermittler völlig in Missktredit, indem sie Künstler direkt finanzieren. Das markanteste Beispiel dafür ist Lyssenko, "ein grosser Gelehrter" unter Stalin. Die ganze Wissenschaft wurde nur deswegen verschmäht, dass Stalin meinte, Lyssenko sei ein grosser Wissenschaftler. Stalin ist gestorben, gleichzeitig ist auch Lyssenko verschwunden, die Wissenschaft ist auferstanden, aber wie gross war der Schaden! Die Protektion ist eine ungeheuerliche Krankeit unserer Macht. Nicht nur deswegen, dass es eine Ungerechtigkeit ist und unser Bürgermeister einen schlechten Geschmack hat (der nächste Bürgermeister kann inzwischen einen guten Geschmack haben). Es geht um etwas anderes: die Protektion streicht Institutionen aus, die sehr für die Gestaltung einer neuen Sprache wichtig wären, die die Vergangenheit und die Zukunft zusammennäht. Ich bin politisch tätig nicht darum, dass ich politisch tätig sein will - während Lushkow sich mit der Kultur beschäftigt, ich bin politisch engagiert, um es ihm klar zu machen: das ist eine widernatürliche Situation.

Aus diesem Grunde wird GIF.RU keine Politik und Politiker meiden, im Gegenteil: eine selbstbewusste, adäquate und natürliche Integration der russischen Kunst in die russische Gesellschaft fördern.

Unzurechnungsfähigkeit unserer Macht zeigt sich auch daran, dass sie ihrer Fehlschläge nicht bewusst ist; "Nanu, was soll es, ich habe doch Schilow gegeben.... Ich habe ja nichts Iwanow weggenommen". Sie begreifen nicht, dass es im Kulturmechanismus zu zerstörenden Folgen führen kann. Es bildet sich ein ziemlich kompliziertes Kritiksystem (es ist sehr schwer, dieses in moderner Kunst zu gestalten) heraus, es basiert auf einer Reihe der Institutionen: Hochschule für Kultur, die Tretjakow-Galerie, RGGU, Zentrum der modernen Kunst. Es gestaltet sich ein Reputationssystem. Es werden Konzepte formuliert.... Plötzlich schenkt der Bürgermeister Lushkow ein Gebäude dem grossen Maler Schilow, und es wird auf einmal klar: alles oben erwähnte ist nicht nötig, es zählt nur eins - bei Herrn Lushkow in Gnade zu stehen. Gerade das heisst wahre Kunst zu malträtieren. Ich bin überzeugt, dass sich der Berliner Bürgermeister genauso schlecht wie der Moskauer Bürgermeister in der Kunst auskennt. Aber wir wissen nichts davon und werden das nie erfahren. Bloss falls wir vielleicht in sein Schlafzimmer hingeraten und da ein geschmackloses Gemälde entdecken werden. Aber auf das Kulturleben Berlins wird Vorliebe des Bürgermeister selbstverständlich keine Auswirkung haben.

Die politische Elite hat ihre eigene Gestaltungsweise - Wahlen - und eigene Rotationsweise. Die Kulturelite hat es auch: Konsensus, Kritik.... Hierarchie in der Kunst ist nicht so eindeutig wie im Sport oder Politik, aber sie existiert. Der Kulturmechanismus wird normal funktionieren nur in dem Fall, dass diese Eliten miteinander gleicherweise zusammenwirken werden, indem sie Wechselwirkungstechnologien entwickeln und gegenseitig akzeptieren.

Das Internet bietet eine wunderbare Möglichkeit, die Kulturträger der Vergangenheit nie hatten - d.h. das Subjekt der Kulturpolitik zu beschreiben, deren Strategie zu behandeln und Hauptteilnehmer des Prozesses ausser der Kulturmaschine zu bestimmen. Obwohl ich Gefahr laufe, übermässig pathetisch zu sein, bin ich überzeugt, dass das neue Projekt GIF.RU eben diese Rolle spielen wird.



15.02.2000 |  Marat Gelman,
GiF.Ru - Kunst in Rußland

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