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Der Krieg


Georgij Ostrezow

Mai 13-21, 2004



Es ist bekannt, daß die Musen schweigen, wenn Kanonen singen. Also scheint Krieg das völlige Gegenteil zu Kunst und Kultur zu sein? Leider ist das nicht ganz unzweifelhaft. Selbst wenn wir, ohne uns hinter diesen Begriffen zu verstecken, die Frage stellen, und es als Problem von "Leben und Krieg" betrachten, bleiben andere mögliche, auch nicht ganz friedliche Antworten. Beginnend mit der Wahrheit, das Leben sei ein Kampf, über Heraklith zu dessen Aussage: "Krieg ist der Vater von allem, der König von allen." Läßt sich in ferner und jüngerer Vergangenheit eine Vielzahl von Beipsielen finden, in denen Kriege zu Wirtschaftswachstum, Erfindungen und kulturellen Umwälzungen oder Aufständen geführt haben. Genauso sind aus langen Friedensphasen wirtschaftliche und kulturelle Stagnation in unserer Erinnerung. Aber auch jede Form einsilbigen Militarismus kann leicht durch beobachtung und Argumente entkräftet werden: Kriege bringen Leid über Menschen, zerstören Kultur und soziale Beziehungen, führen zu wirtschaftlichen Nöten, und meistens ist das Resultat zusätzlich ein kultureller Abstieg. Der Fatalität des Krieges können wir nicht zustimmen. Und obwohl wir die Legitimität des Freiheitskampfes anerkennen, dürfen wir die Wirklichkeit nicht mit dem Begehrten gleichsetzen. Das wäre ein folgenreicher Fehler. Die Wirklichkeit zeigt uns, daß eine Welt ohne Kriege vom Menschen bisher nicht erschaffen wurde- erschaffen werden konnte? Der Ewige Frieden bleibt Utopie. Trotzdem hat es nicht wenige Versuche gegeben nach Ende des kalten Krieges den derzeitigen Status Quo als eben diesen Frieden zu präsentieren und frisieren. Praktisch gibt es keine "Kriege? mehr" abgesehen von Konflikten in dem einen oder anderen "hot spot" oder sogenannten großflächigen Einsätzen wie im Irak oder in Tschetschenien. Ja, Abweichungen von der politischen, demokratischen Norm, aber kein archaisch anmutender Krieg! Sanft flüstern einige Stimmen, dass wir wirklich schon diese Welt ohne Kriege erreicht haben - obwohl überall der Krieg und die Gefahr des Krieges lauert und kritisiert wird.

Jean Baudrillards Buch Der Irakkrieg hat nie stattgefunden Handelt nicht von der Möglichkeit mit Massenmedien Kriege zu simulieren, sondern. ganz im Gegenteil von der Fähigkeit, aus echten Kriegen "sogar wenn sie direkt als "Krieg" bezeichnet werden" Un-Kriege zu machen, bewaffnete Einsätze, militärische Aktionen mit dem Ziel, Frieden aufzubauen. Der Titel des Buches ist sarkastisch und ironisch. Er ist eine Interpretationsfrage eines informationsüberfrachteten und global verstopften Kopfes. Denn dieser Kopf vermag trotz ? oder gerade wegen ? all solcher grausamen Fernsehbilder immer noch denken, wir lebten in dieser Welt ohne Kriege.

Aber auch in dieser Nach- Kriegs- Zeit werden Menschen getötet und ihre Städte zerbombt, lediglich nennt es niemand mehr "Krieg". Oder, wie Baudrillard sagte, der Krieg hat seine plastische und erotische Form verloren. Wenn also das alles in der gigantesken Maschinerie der Populärbilder nicht mehr vorhanden ist, können wir davon ausgehen, dass die zeitgenössische freie Kunst sich wieder der Rekonstruktion der plastischen und erotischen Seiten des Krieges als einer natürlichen Ordnung zuwendet. Genau diese Rekonstruktion reflektiert Goscha Ostretzov in seinem Projekt: es findet seinen Platz in der traditionellen weltlichen Kunst (in der Kunst als solches und die Kunst des Krieges schon immer Hand in Hand gingen) genauso in der Avantgarde - Tradition (man achte auf das Oxymoron!) und dem Moskauer Konzeptualismus (mit seiner quasi-kriegerischen Identität). Diesen Platz findet er - und bricht mit den Traditionen im selben Moment. Ostretzov geht es weder um Ironie, noch um die Ästhetik des Krieges. Er entdeckt den Krieg neu aus dem Blickwinkel der Kunst und bringt jene altbekannten Tatsachen erneut zum Ausdruck: eigentlich will es gar keiner wissen.




4.05.2004
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